Foto: Pexels / Keira Burton
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„Wie kann ich Mama glücklich machen?“

Was Kinder psychisch erkrankter Eltern brauchen
8. Juni 2021, Nicole Vergin

Mona ist neun und sie kann nicht verstehen, was in letzter Zeit mit ihrer Mama los ist. Sie ist kraftlos und niedergeschlagen – und kümmert sich um überhaupt nichts mehr. Monas Mutter hat eine Depression. Aber was das ist, muss das Mädchen erst herausfinden und auch, wer ihnen beiden helfen kann. „Sonnige Traurigtage“: So heißt das Kinderbuch, in dem die Autorin Schirin Homeier die Geschichte von Mona und ihrer Mutter erzählt. Die Zielgruppe für Kinderbücher von psychisch kranken Müttern oder Vätern ist riesig. Nach aktuellen Zahlen Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde sind in Deutschland jedes Jahr etwa 27,8 % der erwachsenen Bevölkerung von einer psychischen Erkrankung betroffen. Das entspricht rund 17,8 Millionen Menschen, von denen viele Kinder haben.

Die eigenen Bedürfnisse erscheinen als nicht so wichtig

Die Erkrankung der Eltern wirkt sich auf die gesamte Familie aus und belastet auch die Kinder. Um ihnen zu helfen, gibt es beim Kinderschutzbund in Aachen AKisiA, ein präventives Beratungsangebot der Erziehungsberatungsstelle. AKisiA („Auch Kinder sind Angehörige“) nimmt in erster Linie das Wohl der Kinder in den Blick, bezieht aber selbstverständlich Hilfen und Unterstützung für die Eltern mit ein, um die Situation der Kinder zu verbessern. Die Sozialpädagogin Andrea Valdivia leitet das Angebot. Depressionen, Angststörungen, Schizophrenie, Zwangserkrankungen: Unabhängig von der Erkrankung der Eltern beobachtet Andrea Valdivia immer wieder ähnliche Reaktionsmuster bei den Kindern. „Ihr Gefühlsradar ist sehr stark auf ihre Eltern ausgerichtet“, erzählt sie. „Die Kinder sind immer damit beschäftigt, wie es ihrer Mama oder ihrem Papa geht, wollen ihnen helfen, übernehmen viel Verantwortung und stellen ihre eigenen Bedürfnisse hinten an.“

Seelisches Immunsystem stärken

Zum vielfältigen Unterstützungsangebot von AKisiA gehört eine Gruppe für Sechs- bis Neunjährige. Dort lernen die Jungen und Mädchen, die Erkrankung ihrer Eltern besser zu verstehen und über sie zu sprechen. „Außerdem ist es uns wichtig, das ’seelische Immunsystem‘ der Kinder zu stärken“, erzählt Andrea Valdivia. „Wir schauen, wer die Familie unterstützen kann und was den Kindern grundsätzlich guttut.“ Oberstes Ziel von AKisiA ist es, psychosozialen Verhaltensauffälligkeiten und psychischen Krankheiten bei Kindern psychisch kranker Eltern vorzubeugen.

Neben den Kindergruppen bietet der Kinderschutzbund in Aachen auch offene Kinder- und Jugendlichensprechstunden sowie einen Jugendtreff ab 13 Jahren an. Sehr wichtig sind auch Gespräche mit den Eltern, um sie für die besondere Situation ihrer Kinder zu sensibilisieren. AKisiA kooperiert eng mit der Klinik für Psychiatrie des Alexianer Krankenhauses-Aachen und des Uniklinikums der RWTH Aachen. „Ich ermutige die Eltern grundsätzlich, mit ihrer Erkrankung nicht allein zu bleiben und sich auf unterschiedliche Weise helfen zu lassen“, sagt die AKisiA-Leiterin Andrea Valdivia. „Das entlastet auch die Kinder sehr.“

Kanu – Gemeinsam weiterkommen

Auch der Kinderschutzbund in Bielefeld setzt sich für Kinder ein, deren Eltern psychisch belastet oder erkrankt sind. Zu den vielfältigen Unterstützungsmöglichkeiten gehört das Präventionsangebot Kanu. Unter dem Motto „Gemeinsam weiterkommen“ wird Familien mit Kindern ab sechs Jahren in Eltern- und Kindergruppen sowie Beratungsgesprächen dabei geholfen, mit der Erkrankung besser umzugehen. Dabei arbeitet der Kinderschutzbund mit der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Evangelischen Klinikums Bethel und dem Jugendamt Bielefeld zusammen.

„Wir möchten Druck von den Kindern nehmen und so dazu beitragen, einer späteren psychischen Erkrankung der Kinder vorzubeugen“, sagt Dorothee Redeker, Geschäftsführerin des Kinderschutzbundes Bielefeld. „Denn häufig entwickeln Kinder mit einem psychisch kranken Elternteil Strategien im Leben, die für ihre eigene seelische Gesundheit schädlich sind“, so Dorothee Redeker weiter.

Spaß und ungeteilte Aufmerksamkeit

Weitere Bausteine des Kanu-Präventionsangebotes sind Patenschaften für die Kinder, das offene „Kanu-Café“ und Ferienspiele für die Kinder. „Die ehrenamtlichen Patinnen und Paten spielen, lesen oder backen zusammen mit den Kindern oder machen gemeinsam einen Ausflug. Sie geben dem Kind das, was die Eltern aufgrund ihrer Erkrankung häufig nicht können: ungeteilte Aufmerksamkeit, Entspannung und Spaß“, erklärt Dorothee Redeker. „Durch unsere vielfältigen Angebote versuchen wir, die Kinder und ihre Familien zu entlasten und zu stärken.“ Dazu gehört auch das neue Projekt „MiniKanu-Patenschaften“. Dabei stehen ehrenamtliche Patinnen und Paten Kindern zwischen null und sechs Jahren zur Seite, deren Eltern ebenfalls psychisch erkrankt sind.

Die Natur bietet Halt

Außerdem bietet der Kinderschutzbund Bielefeld noch für Kinder zwischen acht und zwölf Jahren das Naturprojekt „FaBa Bielefeld“ an, bei dem Kinder psychisch erkrankter Eltern auf dem Schulbauernhof die Abläufe des Gartenjahres und die Pflege von Hoftieren kennenlernen. Aus der heilsamen Nähe zu Natur und Tieren sowie durch erlebnispädagogische Aktivitäten sollen sie Kraft für den Alltag schöpfen und ihre persönlichen Fähigkeiten und Stärken sowie ihr kreatives Potential und ein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln können.

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