Was gegen Spielzeugtrennung nach Geschlechtern spricht

Die rosa Glitzerwelt für Mädchen und Helden-Abenteuer für Jungen
16. Dezember 2021, Nicole Vergin

Ein ferngesteuertes Auto, das Ninjago-Fahrzeug zum Zusammenbauen und ein Experimentierkasten. So steht es auf dem Wunschzettel eines zehnjährigen Jungen. Seine vierjährige Schwester hätte zu Weihnachten gerne eine weiche Babypuppe, ein Pferd mit langer Mähne zum Kämmen und ein Prinzessinnen-Puzzle. Geschlechterrollen kommen auch dieses Jahr unter viele deutsche Weihnachtsbäume.

Womit Jungen und Mädchen spielen

Die Spielzeugwelt in Kaufhäusern und Katalogen ist klar und deutlich aufgeteilt. Es wird auf den ersten Blick deutlich, was für Mädchen und was für Jungen gedacht ist. Helden, Abenteuer, Technik: Spielzeuge, die damit zu tun haben, sollen Jungen ansprechen. Die Spielsachen für Mädchen dagegen sind oft rosa oder lila, sie glitzern und kommen oft aus den Bereichen Fürsorge und Schönheit.

Es geht um Konsum und Klischees

Viele Wissenschaftlerinnen, Pädagogen und Menschen, die mit Kindern arbeiten, halten diese Aufteilung der Spielwelten nach Geschlechtern für problematisch. Dabei geht es längst nicht nur um Kritik an der Spielwarenindustrie, die Familien dazu bringt, eigene Spielsachen für Mädchen und Jungen zu kaufen. Die Kritik hat auch eine gesellschaftliche Ebene. „Die Trennung in eine Prinzessinnen- und eine Heldenwelt trägt dazu bei, dass klischeehafte Geschlechterrollen an die nächste Generation weitergegeben werden“, sagt etwa die Elementarpädagogin Marina Ramin.

Starke Jungen, hübsche Mädchen

Das Bild, das Kinder von sich haben, ist eindeutig: Mädchen sind lieb und hübsch, Jungen stark und wild. Eindrucksvoll zeigt das die zweiteilige ZDF-Dokumentation „No more boys and girls“. „Frauen sind fürs Kochen und Putzen geeignet“, erzählt darin ein Zweitklässler. Jungen seien dagegen wilder und ließen sich nicht so schnell etwas gefallen. Die meisten Kinder wachsen mit dieser Vorstellung von aktiven, starken Jungen und eher abwartenden, kompromissbereiten, hübschen Mädchen auf.

Das Problem dabei ist, so die Pädagogin Petra Focks in der ZDF-Dokumentation, „dass die Vielfalt an tatsächlichen Gefühls- und Verhaltensweisen, an Temperamenten von Kindern, ihre gesamte Individualität, verkürzt wird und eingeschränkt wird auf das, was jeweils in der jeweiligen Zeit und Kultur als typisch männlich und typisch weiblich gilt.“ Die Elementarpädagogin Marina Ramin ergänzt: „Aus meiner Sicht würde es Kinder sehr entspannen, wenn sie wüssten: Auch Jungen sind mal schüchtern und finden es toll, sich um andere zu kümmern. Und auch Mädchen sind stark und dürfen sich für ihre Interessen einsetzen.“ Dadurch gäbe es die Chance, dass festgefahrene Geschlechterrollen aufweichen und die Gesellschaft insgesamt bunter und vielfältiger wird.

Es ginge auch anders

Marina Ramin empfiehlt Eltern vor allem einen bewussten Umgang mit Spielsachen. „Es gibt auch neutrale Spielzeuge für beide Geschlechter, zum Beispiel Bauernhöfe oder Krankenhäuser“, sagt sie. Solchen Dingen könnten Eltern und Verwandte den Vorzug geben. Außerdem appelliert sie an Eltern, sich mit Wertungen zurückzuhalten. Kinder bräuchten die freie Wahl, womit sie spielen: „Wenn Jungen gerne mit Ponys oder Puppen spielen oder Mädchen sich als Astronautin oder Piratin verkleiden, können sie belustigte Kommentare ihrer Eltern sehr beschämen.“