Herbstfreuden: Ein kleiner Junge liest Blätter auf.
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Dinner with Martin Luther King

Kolumne aus dem Alltag von Mareike Graepel.
8. November 2019, Mareike Graepel

Es ist Herbst, es ist windig und grau und die Blätter rascheln über den Asphalt. Und plötzlich wird etwas sichtbar, was in Statistiken und Studien schon länger festgestellt wurde: Wir nehmen uns nicht mehr genug Zeit für die einfachen und kleinen, schönen Dinge. Überall liegen glatte, glänzende, rotbraune Schätze auf den Straßen und niemand sammelt sie ein. Ich bastele auch nicht gerne mit Kastanien (immer habe ich Zahnstochermacken und Kleber überall), aber sie sind so schön anzufassen und sehen auch einfach in einer Glasvase toll aus. Zeit für einen Jutebeutel, meine Mädels und mich, gleich mal loszuziehen und eine Mini-Auszeit mit dem Aufsammeln der kleinen Herbstboten zu verbringen. Ein kleiner Moment mitten im Alltag.

Kleine, große Momente

Es gibt kleine Momente, die sind aber doch so unendlich groß. In diesen Tagen, in denen ich mich als Frau, als Journalistin, als Christin und als Mutter in sozialen Netzwerken schon habe verbal so unangenehm angreifen lassen müssen (ironischerweise von Menschen, die meinen, so unser Land zu „schützen“ oder zu „retten“…), sauge ich Zuversicht auf, wo ich sie bekommen kann. Umso schöner, wenn es so passiert wie letzte Woche beim Abendessen..

Ein Stück Hoffnung

Unsere Große erzählte mir gerade von der Prozession, an der sie als Messdienerin teilgenommen hatte. (Ich hatte mir am Freitag zuvor den linken kleinen Zeh gebrochen und konnte nicht mithumpeln.) 
Sie erzählte mir von den Liedern und den Gebeten und wie anstrengend es war, die Fahne einen so langen Weg zu tragen. Und dann erzählte sie, dass eine Rede vorgetragen wurde, eine Rede von Martin Luther King. Und dass es um einen Traum ging. Und dass sie sich einen Satz ganz besonders gemerkt hat. 
Mama, sagt sie, der Martin Luther King hat wohl gesagt: „Ich habe einen Traum, dass (…) kleine schwarze Jungen und Mädchen mit kleinen weißen Jungen und weißen Mädchen als Schwestern und Brüder Hände halten können.“ 
Und einfach so war MLK ein bisschen bei uns zum Abendessen und ein großes Stück Hoffnung machte sich breit.