Foto: iStock / choreograph
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Tipps

Freiheit für die Kinder

Eltern wollen ihre Kinder beschützen. Viele setzen inzwischen dabei auf Online-Kontrolle über Handy und Co.
9. Juli 2019, red.

Eltern wollen ihre Kinder beschützen. Viele setzen inzwischen dabei auf Online-Kontrolle über Handy und Co. Wo diese Fürsorge eher schadet als nutzt, wie man loslassen lernt und Kinder erfolgreich stark machen kann fürs Leben, erfahren Sie hier.

Um den Nachwuchs vor Gefahren zu bewahren, sind Eltern zu vielem bereit. Ob mit dem Eltern-Taxi zu Freizeitaktivitäten oder an der Hand bis ins Klassenzimmer:  „Kinder dürfen immer weniger alleine“, so Michael Kutz vom Deutschen Kinderschutzbund (DKSB).

Mit den wachsenden Ängsten der Erwachsenen wächst auch die Zahl der technischen Hilfsmittel. Diese reichen von Aufpass-Apps über sogenannte „Wearables“ wie die iNanny oder die GPS-Uhr „Wo ist Lilly“, die am Körper getragen werden, bis zum Strampler, der Lage und Körperwerte des Säuglings meldet.

Dauerbewachung

Bewacht werden nicht allein die Kleinen. Schon von den Zehn- bis Zwölfjährigen besitzen mehr als 80 Prozent ein Mobiltelefon und sind jederzeit zu erreichen. Mit der Hilfe von Qustodio, Synagram und anderen Apps lässt sich feststellen, wo sich die Kinder aufhalten. Übers Smartphone können Eltern ihre Teenager beim Shoppen orten oder online den Chatverlauf verfolgen.

„Gerade technische Überwachung vermittelt einen falschen Eindruck“, sagt Michael Kutz. Jugendliche bekommen schnell das Gefühl, dass ihre Eltern ihnen misstrauen, Konflikte sind vorprogrammiert. „Jüngere Kinder dagegen verlassen sich zu sehr auf diesen Schutz, werden tatsächlichen Gefahren gegenüber unaufmerksam“, so der zweifache Vater. Oder sie sind verunsichert: Wer ohnehin ängstlich ist, bekommt den Eindruck, dass auf Schritt und Tritt etwas passieren kann. „App-Anbieter schüren die Ängste der Eltern, und Angst ist ein schlechter Ratgeber“, betont Michael Kutz.

Dabei ist freies Spielen durchaus möglich. Das „Draußen spielen“ rangiert laut Kinderreport des Deutschen Kinderhilfswerks besonders bei jüngeren Kindern nach wie vor in der Top-Ten der liebsten Freizeitbeschäftigungen. Artikel 31 der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen nennt das Recht auf Ruhe, Freizeit und Spiel mit gutem Grund. Klettern, Toben, Spielen und auch Streiten sind wichtige Faktoren der kindlichen Entwicklung. „Frische Luft ist gesund, Bewegung fördert die Koordinationsfähigkeit und in Auseinandersetzungen üben Kinder, ihre Anliegen auszudrücken und schwierigere Situationen alleine zu klären“, bestätigt Holger Hoffmann, Bundesgeschäftsführer des Deutschen Kinderhilfswerks (DKHW), „freies Spiel ist die beste Basis, um Kreativität zu entwickeln.“ Und vor allem für Einzelkinder eine gute Möglichkeiten, Sozial- und Konfliktkompetenz zu erwerben.

Zahlen des statistischen Bundesamtes zeigen, dass Kinder ein geringeres Unfallrisiko als alle andere Altersgruppen haben. Rein statistisch betrachtet ist der „böse Fremde“ eher die Ausnahme, Gewalt gegen Kinder findet zumeist im engsten Umfeld statt. Aber da es um Emotionen geht, lassen sich Elternsorgen durch Zahlenmaterial nicht zerstreuen. „Eltern müssen zunächst ihre eigenen Ängste verlieren“, so Thomas Weyand, Leiter der Erziehungsberatungsstelle des DKSB Ortsverbandes Essen, „nur wenn Vertrauen entgegen gebracht wird, kann sich bei Kindern Selbstvertrauen entwickeln.“

 

Infos, Tipps und Ratschläge:

Loslassen lernen und Kindern Selbständigkeit vermitteln, empfiehlt Thomas Weyand, Leiter der Erziehungsberatungsstelle des DKSB Ortsverbandes Essen. Seine Ratschläge:

Sich austauschen: Von den Erfahrungen anderer Eltern lernen – am besten, wenn deren Kinder bereits ein wenig älter sind als die eigenen.

Gefahren erklären: Das können Eltern bereits den Kindergartenkindern. Dabei nicht verharmlosen, aber sachlich und informativ bleiben, statt Angst zu machen.

Gemeinsam unterwegs sein: So erleben Eltern aus nächster Nähe, was ihr Nachwuchs schon alleine schafft. Ab dem Vorschulalter kann das Kind dabei sozusagen eine kleine Rolle übernehmen, z. B. „zeig’ doch mal den Weg!“

Im Gespräch bleiben: Um die eigenen Ängste zu verlieren, brauchen Eltern die Rückmeldung ihrer Kinder. Was klappt noch nicht? Was klappt schon gut?

Sorgen benennen: Gegenüber Teenagern ist Offenheit besonders wichtig. Sprechen Sie Ihre Befürchtungen aus.

Absprachen treffen: Dabei lassen sich Ideen und Lösungen gemeinsam diskutieren, z. B. „Wie stellst du sicher, dass du abends gut nach Hause kommst?“

Klare Grenzen und Regeln: Das gilt für jedes Alter. Sobald man mit den Kindern reden kann, Einschränkungen positiv formulieren: „Du darfst heute bis 22 Uhr unterwegs sein!“