Der Kinderschutzbund macht in ganz Deutschland auf psychische Gewalt gegen Kinder aufmerksam.
 

“Wenn du nicht lieb bist, kommst du ins Heim!”

Was emotionale Gewalt bei Kindern bewirkt – und was Eltern dagegen tun können
21. Juli 2023, Nicole Vergin

Hör auf zu heulen!

Jetzt stell dich nicht so an!

Wenn du jetzt nicht schläfst, dann knallt es!

Kennen Sie solche Sätze?

Was körperliche Gewalt ist – davon haben wir alle eine recht klare Vorstellung. Ein Kind zu schlagen, gehörte lange Zeit zur gängigen Erziehung. Heute ist das für die meisten Menschen zum Glück unvorstellbar. Die berühmte Ohrfeige oder der „Klaps auf den Po“ werden dagegen noch praktiziert und mit der Begründung verharmlost: „Da ist mir die Hand ausgerutscht.“ Immerhin: Das schlechte Gewissen meldet sich. Für die oben genannten Sätze und andere Formen psychischer Gewalt gibt es allerdings kaum ein Bewusstsein. Dabei beeinträchtigt psychische Gewalt Kinder und Jugendliche oft ihr Leben lang. Wenn sie zum Beispiel immer wieder beleidigt oder gedemütigt, angeschwiegen oder ausgelacht werden, untergräbt das ihren Selbstwert und ihr Selbstbewusstsein massiv.

Klaus Peter Hausberg (59) hat in seiner Kindheit emotionale Gewalt erlebt.

Eine Kindheit in den 1970ern

Klaus Peter Hausberg aus Köln weiß das aus eigener Erfahrung. Der heute 59-Jährige hat in seiner Kindheit jahrelang psychische Gewalt erlebt. „Richtig begriffen habe ich das erst durch die Kampagne des Kinderschutzbundes“, erzählt er. An seiner Joggingstrecke sah der Geschäftsführer eines Tourismusverbandes ein Plakat mit einem der Kampagnen-Motive. Und plötzlich hatte das, was sein Selbstbewusstsein viele Jahre lang untergraben hatte, einen Namen: emotionale bzw. psychische Gewalt.

„Wenn du nicht lieb bist, kommst du ins Heim!“

Gewalt ist mehr, als du denkst - der Kinderschutzbund NRW klärt am Weltkindertag über psychische Gewalt an Kindern auf. Foto: DKSB Bundesverband
Motiv der Kampagne gegen psychische Gewalt, Foto: DKSB Bundesverband

„Das hat meine Mutter zu mir als Kind oft gesagt“, erinnert sich Klaus Peter Hausberg. Dieser Satz steht beispielhaft für das emotionale Klima in der Familie, das seine Kindheit geprägt hat. „Meine Mutter war mir gegenüber oft sehr übergriffig und demütigend. So hatte sie mich z. B. einmal gezwungen, einen Hundehaufen vor unserem Haus wegzumachen – und das vor den Augen eines Mädchens, in das ich verliebt war. Damals war das eine nachhaltig wirkende Demütigung, die sich tief eingebrannt hat, so dass ich mich noch heute daran erinnere, als wenn es gestern wäre.“

Als Junge fühlte sich Klaus Peter Hausberg nicht verstanden und ernstgenommen. „Wie ich heute weiß, war ich ein ganz normaler Junge, der im Besonderen in der Pubertät nicht alles so gemacht hat, wie es meine Mutter von mir erwartet bzw. verlangt hat. Aber ist das nicht völlig normal und muss man da als Eltern nicht verständnisvoller sein? Wenn ich etwas nicht wollte – zum Beispiel, dass mir meine Mutter mitten in einer Hotelhalle einen Pickel ausdrückt – hat sie zudem auch noch gesagt: `Stell dich doch nicht so an!`“ All das führte später zu massiven Minderwertigkeitsgefühlen, was großen Einfluss auf sein Privat- und Berufsleben hatte „Ich war mir nie wirklich bewusst, dass ich gut bin, so wie ich bin. Schon immer. Außerdem habe ich mich nicht bedingungslos geliebt gefühlt“, so Klaus Peter Hausberg.

Was sich für die Kinder heute ändern müsste

„Heute führe ich ein glückliches Leben – nachdem ich mich auf meiner persönlichen `Reise zum Glück´ quasi selbst therapiert habe“, erklärt er. „Ich verstehe mittlerweile auch, warum mich meine Mutter aufgrund ihrer eigenen Biografie so unsensibel und damit gewaltvoll erzogen hat.“ Klaus Peter Hausberg appelliert daher an die Eltern von heute, sich um ihre eigenen emotionalen Probleme zu kümmern und sich bei Bedarf Unterstützung zu suchen. „Jeder hat eine Verantwortung für sein eigenes Leben – und als Eltern haben wir sie vor allem auch für unsere eigenen Kinder.“ Denn Eltern geben unbearbeitete emotionale und psychische Themen an ihre Kinder weiter – auch wenn sie das natürlich nicht wollen, so Hausberg.

Außerdem plädiert Klaus Peter Hausberg für ein Schulfach “Glückskompetenz”. „Kinder sollten außerhalb ihrer Familie lernen, dass jeder Mensch wertvoll ist – auch wenn ihre Eltern sie manchmal anders behandeln. Und sie brauchen die Ermutigung, sich Hilfe zu holen, wenn sie Probleme haben.“

Weitere Informationen:

  • Kampagne gegen psychische Gewalt des Kinderschutzbundes
  • In jeder Stadt gibt es Erziehungs- und Familienberatungsstellen, die Eltern dabei helfen, mit ihren Kindern wertschätzend und respektvoll umzugehen. Auch der Kinderschutzbund bietet in vielen Städten Beratung und Unterstützung an.
  • Auch telefonisch können sich Mütter und Väter Unterstützung holen. Das Elterntelefon der „Nummer gegen Kummer“ ist montags bis freitags von 9 bis 17 Uhr und dienstags und donnerstags bis 19 Uhr anonym und kostenlos erreichbar: 0800 111 0 550
  • In Elternkursen wie Starke Eltern – Starke Kinder können sich Mütter und Väter untereinander austauschen. Sie lernen Wege kennen, um den Familienalltag zu entlasten und wertschätzend mit ihren Kindern umzugehen. Der Kinderschutzbund und andere Träger bieten den Kurs vielerorts an.
  • Näheres über Klaus Peter Hausberg und seine “Reise zum Glück”